Esst richtig!

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Read & Eat

“Estrich!”, sagte Oma immer. Übersetzt heißt das: “Esst richtig”. Wer die Butter auf’s Brot gekratzt hat, der hat gleich Ärger bekommen. Ihre größte Sorge war, dass jemand verhungern könnte. Woher Fleisch und Wurst kamen spielte erstmal keine Rolle.

Die Zeiten ändern sich, das Woher und auch das Wie werden immer wichtiger. Karen Duve hat darüber ein Buch geschrieben, das heißt “Anständig essen”. Sie beschreibt darin den Selbstversuch sich besser zu ernähren. Das heißt in ihrem Fall darauf zu achten woher die Lebensmittel kommen, es einmal eine zeitlang vegetarisch, vegan und am Ende sogar frutarisch zu probieren.

Buchcover Karen Duve "Anständig essen"

Die ersten zwei Monate sind gar nicht so schwer nur etwas teuerer, denn in denen gibt es nur noch Lebensmittel aus nachhaltiger und artgerechter Haltung. Das geht in einer Großstadt wie Berlin recht gut und sogar auf dem Lande (Brandenburg) findet man bei den Diskountern einige Bio-Lebensmittel. Schon in dieser Zeit heißt es Abschied nehmen von Gewohnheiten. In der Cola kann ja eigentlich nichts Schlimmes drin sein, alles völlig künstlich. Aber Frau Duve recherchiert und findet heraus, dass die Arbeitsbedingungen der Angestellten katastrophal sind und ein Gewerkschafter unter ungeklärten Umständen verschwunden ist. Sie beschließt also auch solche Fakten (?) mit einzubeziehen. Für sie als Cola-Junkie eine mittlere Katastrophe und die Ersatz-Limo aus dem Bioladen ist scheinbar nicht zu genießen. Karen Duve schreibt sehr locker und konfrontiert mich mit meinen (wenn ich es auch tun würde) eigenen Gedanken. Doch mal Fleisch essen, einmal nicht dran denken, wie das Huhn gelebt hat. Keine Gummibärchen mehr, nur weil da Gelatine drin ist?

Die Gangart verschärft sich. In der vegetarische Phase soll natürlich auch keine “böse” Butter das Backblech verschmutzen auf dem das Brot liegt. Der Schrank wird aufgeräumt, (fast) alles aus Leder fliegt raus. Und außerhäusig schließt sie sich militanten Tierschützern an und befreit Tiere aus der Gefangenschaft.

Karen Duve schafft es ein differenzierte Bild zu zeichnen. Die Tiergefangenschaft sieht gar nicht so schlimm aus wie vorgestellt. Die Hühner bleiben (mehr oder weniger) freiwillig im Stall, weil sie die freien Fläche scheuen, aus Angst vor Greifvögeln. “Die Sache mit der Milch” kommt mir etwas spooky vor, aber überprüft habe ich es nicht, es könnte schon das große Milchkomplott in Europa geben ...

Der lockere Erzählstil gefällt (mir), weil da gerade kein Akademiker oder Ökophilosoph (Öko-Filosof - nee, das können wir nicht machen) schreibt, sondern jemand der es ausprobiert.

Es gibt auch Grenzen: Die Lichternährung ist zwar preiswert, führt aber asap zum Ableben, besonders weil in den ersten Wochen auch die Aufnahme von Wasser verboten ist. Auch die Erkundigungen über den Frutarismus können nur sehr begrenzt durchgeführt werden - das macht einfach keiner. Genauer gesagt findet Karen Duve nur einen Anhänger dieser Lebensweise. Voll pragmatisch sind ihre Vorsätze für die Zeit danach ... sag’ ich jetzt nicht - selber lesen!

Einige Lieblingszitate:

“... erst einmal den Alkohol weg(...)lassen” - “´Ach´, sagte ich, ´ meinst du? Aus welchem Tier, denkst du, wird denn Alkohol gewonnen? Vielleicht aus dem Alkofanten? Oder aus dem Riesen-Alk? Und werden die beim Auspressen sehr gequält?` ”

“Wären die Wände der Schlachthöfe aus Glas, dann würde niemand mehr Fleisch essen” sinngemäß nach Paul McCartney

“Pseudoteilzeitvegetarismus-wischiwaschi-Hype”