Steinfigur Leser mit zwei Büchern

Gehwegschäden von Helmut Kuhn

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Off Topic - keine Restaurants, kein Wein, kein Essen

Zu Beginn dieser Woche las ich einen Artikel in dem die Sportart Schachboxen erwähnt wurde. Aus meiner Kindheit weiß ich noch, dass mein Vater sich immer absurde Sportarten ausdachte, beispielsweise Stabhochboxen oder 100-Meter-Verfolgungsfechten. Nur um eine solche Sportart kann es sich hier handeln. Stimmt nicht, Schachboxen gibt es wirklich und es besteht wirklich aus den zwei gegensätzlichen Sportarten Boxen und Schachspielen. Die Hauptfigur in Helmut Kuhns Roman "Gehwegschäden" lebt in Berlin und betreibt diesen Sport.

Buchcover Helmut Kuhn Gehwegschäden

Thomas Frantz ist einer wie viele, noch nicht ganz unten, aber knapp davor. Diese Viele leben in Berlin, vermutlich auch in anderen Großstädten, sind über vierzig und irgendwann falsch von der Kariereautobahn abgefahren oder durch einen Unfall ins weite Feld geschleudert worden. Die können schon was, sind nicht abgehängt, haben schon was gemacht. Der Ist-Zustand ist jedoch meist erbärmlich. Mit Gelegenheitsjobs halten sie sich knapp über Wasser, wohl wissend, dass sie ausgebeutet werden und eigentlich irgend etwas anders machten müssten.
In Berlin nennen sie sich Prekarier (von prekär, der Situation die ihr Leben bestimmt, im Gegensatz zu den Proletariern, bei denen die Proles (die Nachkommen) das Leben bestimmen). Thomas Frantz lebt also von knappen Honoraren und mit Pfändungen und dem Gerichtsvollzieher vor der Tür. Dennoch erhascht er noch ein Zipfel des guten Lebens. Er kann es sich leisten Meeresfrüchte zu kaufen, in die Kneipe zu gehen und teilweise sogar mit dem Taxi nach Hause zu fahren.

Berlin zwischen Rosenthaler Platz und Alex

Er lebt in der Berliner Mitte, buchstäblich zwischen Rosenthaler Platz und Alex und seine Ausflüge führen ihn nach Kreuzberg und manchmal nach Charlottenburg. Freunde und Bekanntschaften sind das große Thema des Romas und Berlin. Seine Freunde sind in ähnlichen Situationen: fast bankrott, aber für die Molle am Abend reicht es noch. Die Beschreibungen der Berliner Verhältnisse im Anna Koschke und Bei Heinz und Inge verleiht dem Roman Plastizität. Ich kann sie sehen, wenn sie vor der Kneipe stehen in einer lauen Sommernacht. Auf dem Nachhauseweg bin ich hundert Mal an solchen Typen vorbei gelaufen. Ich weiß wie die Kneipen riechen, diese Melange aus Pils, Pisse und WC-Stein. "Wahnsinn, das isse, die Luft von Berlin." Helmut Kuhn kann die Leute wirklich gut beschreiben, den Museumsheinrich oder Ansgar, den Mistkäfer. Die eingestreuten Kurzbiografien, die funktionieren, das könnte wirklich so sein. Einen von den Mietern im Haus, den Typen aus dem Sportverein oder den Kneipenkumpels kennt man auch.

Helmut Kuhns Thomas Frantz macht nichts anderes als Christian Krachts Held in "Faserland", der aus Benjamin Lebers "Crazy" oder Herr Lehmann von Sven Regener - Lebt sein Leben. Ist man grad' am literarischen Schauplatz, so wird es besonders interessant. Kuhn gelingt die fiktive Aufladung tatsächlicher Ereignisse wie zum Beispiel die Eröffnung eines Elektrogroßmarktes im Alexa-Einkaufszentrum oder die Kunstaktion "Painting Reality". Ich kenne sie, die alten Eltern vom Prenzlauer Berg mit ihren "Produkten" auf dem Kinderspielplatz, die Türken und Araber, die Frustrierten, die entbehrliche Masse und auch die, die es zu was gebracht haben.

Mehr als ein Berlin-Roman

Neben einem Schnappschuss des Berlin von 2010 verdanken wir Helmut Kuhn ein paar wundbare Wortschöpfungen wie beispielsweise wühlmäusig, ein Stück Geschichte und Geschichtsklitterei - das Pieck-Zimmer und "Warum Otto Grotewohl auf den Friedhof blicken musste" und natürlich die den Roman zusammen haltenden Vorschriften zu den Gehwegschäden der Berliner Fußwege.

Rätselhaft bleibt Kapitel 35, in dem plötzlich zur Ich-Perspektive gewechselt wird. Vielleicht möchte sich Kuhn von seinem Helden abgrenzen, da Frantz gerade auf Jascha getroffen ist (gelber Iro und "Wir nennen es Arbeit" - Ich nenn' ihn Lobo - Lolo lol). Man weiß es nicht …

Schöner Berlin-Roman. Für alle die unterwegs sind: Einfach mal reintrauen ins Heinz und Inge (Alt-Berliner Bierstuben).

Wenn Panik wie ein Psychopath mit laufender Kettensäge hinter der Badezimmertür lauert, ist es gut, die Reduktion von Adrenalin zu üben.

(Helmut Kuhn, Gehwegschäden, S.16)